
Von der Idee zum fertigen Spiel in 90 Minuten – Wie geht das?
Vibe Coding: Auch ohne Programmierkenntnisse eigene kleine Anwendungen erstellen
Von der Idee zum fertigen Spiel in 90 Minuten – was unmöglich klingt, ist heute Realität. Als Test wurde im Zukunftszentrum KI NRW „ZuZ-Man“ entwickelt, ein vollständiges Jump-’n‘-Run-Spiel im Retro-Stil der 90er Jahre. Das Besondere: Das Spiel entstand durch „Vibe Coding“ – eine neue Art der Programmierung mit KI-Unterstützung, bei dem einem Sprachmodell Bestandteile und Erfordernisse beschrieben werden. Die KI schreibt anschließend den Code.
Im Beispiel ZuZ-Man kam ein lauffähiges, spielbares Retro-Game mit Animationen, Leveldesign und sogar dem Corporate Design des Zukunftszentrums heraus. Dieses Beispiel zeigt auf spielerische Art, wie auch kleine und mittlere Unternehmen von dieser neuen Entwicklungsmethode profitieren können.
Was ist Vibe Coding?
Der Begriff wurde Anfang 2025 von Andrej Karpathy geprägt, einem renommierten KI-Forscher und Mitbegründer von OpenAI. Seine Beschreibung: „Es ist eigentlich gar kein Coding mehr – ich sehe Sachen, sage Sachen, führe Sachen aus, kopiere und füge ein, und es funktioniert meistens.“
Wie verläuft ein typischer Vibe Coding-Prozess:
- Beschreiben statt programmieren: Sie erklären in normalem Deutsch, was Sie brauchen.
Beispiel: „Ich möchte ein Jump-’n‘-Run-Spiel wie aus den 90ern“ - KI generiert den Code: Die KI übersetzt Ihre Beschreibung in funktionierenden Code.
- Testen und verfeinern: Sie probieren das Ergebnis aus und geben Feedback.
„Die Animation läuft zu schnell“ oder „Nutze unser Farbschema“. Sie stellen dem KI-Programm Grafik Assets zur Verfügung, z. B. Animationsphasen einer Figur. - Iteration: Dieser Zyklus wiederholt sich bis das Ergebnis passt.
Im Fall von „ZuZ-Man“ lief genau dieser Prozess ab. Vom ersten Prototyp mit einer einfachen Spielfigur über die Integration echter Sprite-Animationen bis hin zur Anpassung an das orange-rote Corporate Design des Zukunftszentrums – alles durch Dialog mit der KI.
Warum ist das für KMU relevant?
Viele kleine und mittlere Unternehmen haben digitale Lösungsideen, aber keine Entwicklerkapazitäten. Externe Dienstleister sind teuer und unflexibel, kleine Projekte rechnen sich oft nicht.
Vibe Coding bietet konkrete Vorteile: Prototypen und kleine Tools entstehen in Stunden statt Wochen. Änderungen werden sofort umgesetzt, ohne Ticket-System oder Wartezeiten. Und vor allem: Es braucht keine bzw. wenig Programmierkenntnisse – die KI übersetzt fachliche Anforderungen in einen Code.
Konkrete Anwendungsfälle für KMU
Vibe Coding kann sich für verschiedene Anwendungsfälle eignen:
| Interne Tools – Automatisierte Berichte – Dashboards Formulare für interne Prozesse | Prototyping – Schnelle Visualisierung neuer Produktideen – Interaktive Mockups für Kundenpräsentationen – Machbarkeitsstudien für digitale Projekte | Web-Anwendungen – Kalkulatoren – Konfiguratoren – Dokumentationstools | Schulung und Engagement – Gamification-Elemente – Visualisierungen komplexer Zusammenhänge |
Praxisbeispiel: Die Entstehung von ZuZ-Man
Die Entwicklung des Retro-Spiels zeigt typische Phasen des Vibe Codings:
| Phase 1: Grundgerüst (15 Minuten) „Erstelle ein Jump-’n‘-Run-Spiel mit einer Spielfigur“ Einfache Steuerung und erste Plattform Grundlegende Physik (Schwerkraft, Sprünge) | Phase 2: Spielmechanik (30 Minuten) „Füge mehrere Plattformen hinzu“ „Erstelle sammelbare Kristalle“ „Baue Gegner ein, die sich bewegen“ |
| Phase 3: Grafik und Design (45 Minuten) „Nutze dieses Sprite-Sheet für die Lauf-Animation“ (Sprite Sheet zur Verfügung stellen) „Passe das Farbschema an das Zukunftszentrum an: Orange und Rot-Töne“ (Verweis auf Webseite oder internes CI-Dokument) „Füge das bereitgestellte Logo ein“ | Phase 4: Feintuning (15 Minuten) HUD mit Score und Leben Victory- und Game-Over-Screens Letzte Anpassungen |
Das Ergebnis: Ein sofort spielbares Browser-Spiel
Eine eigenständige HTML-Datei mit zwei Grafik-Dateien. Es war keine Installation nötig und keine Server-Infrastruktur. Einfach im Browser öffnen und spielen – auf jedem Gerät. Für das Team-Meeting bedeutete das: Live-Vorführung möglich, alle konnten es direkt selbst ausprobieren. Die größte Herausforderung war die Sprite-Animation: Sie lief nicht flüssig, sondern zeigte einen „Scroll-Effekt“. Gemeinsames Debugging mit der KI brachte die Lösung: Die Sprites im Original-Sheet waren ungleichmäßig verteilt und mussten einzeln extrahiert und zentriert neu angeordnet werden.

Was Sie beim Vibe Coding beachten sollten
Konkrete Beschreibungen führen zum Ziel:
„Erstelle eine Kundenübersicht“ ist vage – „Erstelle eine Tabelle mit Kundennamen, E-Mails und letztem Kontaktdatum, sortierbar nach Datum“ funktioniert besser.
Gehen Sie schrittweise vor:
Beginnen Sie einfach und bauen Sie iterativ aus. Testen Sie jeden Schritt sofort.
Die KI ist ein Assistent:
Sie liefert Lösungen, aber Sie entscheiden, ob sie passen.
Kennen Sie die Grenzen:
Vibe Coding eignet sich für Prototypen, interne Tools und kleinere Anwendungen. Für unternehmenskritische oder hochkomplexe Systeme sind Fachleute weiterhin unverzichtbar.
Datenschutz beachten:
Geben Sie keine sensiblen Daten in öffentliche KI-Tools ein. Nutzen Sie bei Bedarf selbstgehostete oder Enterprise-Lösungen.
Welche Tools eignen sich für Vibe Coding?
Für den Einstieg gibt es verschiedene KI-Assistenten:
Claude (von Anthropic) eignet sich besonders für längere Coding-Sessions und komplexere Aufgaben, ChatGPT (von OpenAI) ist weit verbreitet und vielseitig, Gemini (von Google) bietet gute Integration in Google-Dienste, Spezialisierte Code-Editoren wie Cursor, GitHub Copilot oder Replit bieten zusätzliche Funktionen.
Die Rolle des Menschen bleibt zentral
Auch wenn die KI den Code schreibt, bleiben wichtige Entscheidungen beim Menschen: kreative Gestaltung, Problemlösung, Qualitätskontrolle und strategische Ausrichtung. Die KI ist ein mächtiger Assistent, aber Expertise und Urteilsvermögen bleiben menschlich.
Wie können KMU mit Vibe Coding starten?
Experimentieren Sie kostenlos mit Tools wie ChatGPT oder Claude. Identifizieren Sie passende Use Cases in Ihrem Unternehmen – wo würden kleine digitale Lösungen helfen, die bisher zu aufwändig erschienen? Beginnen Sie mit einfachen Projekten wie einem Dashboard oder Formular. Fördern Sie interessierte Mitarbeitende. Erstellen Sie zunächst Prototypen, die Sie bei Erfolg später professionell weiterentwickeln können.
Vibe Coding im Team-Meeting: Lessons Learned
Als ZuZ-Man präsentiert wurde, ergaben sich interessante Reaktionen: Erstaunen über die Geschwindigkeit, Fragen zur Anwendbarkeit für eigene Tools, Interesse am Kommunikationsprozess mit der KI und Diskussionen über Einsatzszenarien.
Das Spiel diente als anschauliches Beispiel: Vibe Coding ist keine Science-Fiction, sondern heute verfügbar – selbst für Menschen ohne Programmiererfahrung.
Fazit: Neue Möglichkeiten für den Mittelstand
Vibe Coding demokratisiert die Softwareentwicklung. Was früher Spezialisten vorbehalten war, können heute auch Fachabteilungen eigenständig umsetzen – zumindest für einfache Anwendungsfälle. Das bedeutet nicht, dass Entwickler überflüssig werden. Sie können sich auf komplexe, unternehmenskritische Systeme konzentrieren, während einfachere Tools intern erstellt werden.
Für KMU eröffnen sich neue Chancen: schnellere Umsetzung digitaler Ideen, geringere Abhängigkeit von externen Dienstleistern, mehr Agilität bei der Digitalisierung, Stärkung digitaler Kompetenzen und kosteneffiziente Prototypen.
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